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Pest oder Cholera?

Mein Opa hat früher immer gesagt: „Über Geld spricht man nicht, Geld hat man!“

Wer mich kennt, weiß, dass ich eher zu der unkonventionellen Sorte von Menschen gehöre. Ich bin jemand, der sonntags Wäsche wäscht, sein Bettzeug auch in den Monaten mit „R“ raushängt und zu einer Geburtstagspartys einlädt, zu der die Gäste ausdrücklich aufgefordert werden, keine Geschenke mitzubringen. Also breche ich auch mit dieser „Tradition“ und spreche in diesem Beitrag über das Thema Geld.

Einer der Vorzüge des Berufes „Chemieingenieur/-in“, den ich nach meinem Studium 15 Jahre lang ausgeübt habe, ist der, dass man dabei recht gutes Geld verdient. Dabei ist „gut“ natürlich relativ, aber insgesamt gesehen konnte ich mich persönlich nicht beschweren und wenn ich mir ansehe, in welchen Firmen meine ehemaligen Kommilitonen arbeiten, gehe ich davon aus, dass auch sie finanziell ganz gut aufgestellt sind.

Mein gutes Gehalt erlaubte es mir, von Anbeginn meiner beruflichen Karriere immer finanziell unabhängig sein zu können. Ich konnte mir allein eine Wohnung leisten, ein eigenes Auto fahren und hatte noch Geld für Urlaube, Freizeitaktivitäten und sonstiges übrig. Alle Dinge waren nicht luxuriös und kein oberster Standard aber für mich waren sie völlig ausreichend, denn ich hatte meine Freiheiten.

Wer jetzt eins und eins zusammenzählt, kommt ganz schnell zu dem Schluss, dass ich derzeit nicht mehr dieses entsprechende Gehalt beziehe, weil ich nicht mehr als Chemieingenieurin arbeite. Die Gehaltsklasse einer Texterin liegt einige Etagen tiefer.

Und wie sieht es denn jetzt mit meiner finanziellen Unabhängigkeit aus?

Die musste ich abgeben an dem Tag, an dem ich meinen letzten Ingenieursjob gekündigt habe. Damals hatte ich über diese mögliche Konsequenz überhaupt nicht nachgedacht – dafür wird sie mir heute umso schmerzlicher bewusst. Nach 15 Jahren Berufserfahrung wäre es mir heute nicht mehr möglich, mein Leben finanziell allein und auf die gleiche Weise wie früher zu bewältigen. Für mich – ein Mensch, der seine Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit immer schon als höchste Güter angesehen hat – gleicht dieser Zustand einem mentalen Knock-out, der nicht nur nach und nach mein Selbstwertgefühl schwinden lässt, sondern mir mehr und mehr das Gefühl gibt, fremdgesteuert in einem Käfig zu sitzen.

Als wir Mitte August letzten Jahres wieder nach Deutschland zurückgekommen sind und uns die Höhe der uns bevorstehenden Nebenkosten fast erschlagen hätte, war für Ronny und mich klar, dass unsere beiden Gehälter nicht ausreichen werden, um unsere Fixkosten decken zu können. Da ich von Haus aus, aus einem anderen Berufsmetier komme, habe ich angefangen, nach Ingenieursstellen in meiner Nähe zu gucken.

Einer der Nachteile des Berufes „Chemieingenieur/-in“ ist der, dass man ihn nicht überall ausüben kann – was der Grund dafür ist, dass wir so oft umgezogen sind – und schon gar nicht in der Altmark – das ist wiederum der Grund, warum wir nicht schon früher hierher gezogen sind. Das Ergebnis meiner Bemühungen der letzten Monate stellt mich nun vor die Wahl und ich kann mich zwischen Pest und Cholera entscheiden.

Nehme ich einen Vollzeitjob an, lande ich früher oder später wieder im Hamsterrad. Ich verdiene dann wieder so viel Geld, dass ich finanziell unabhängig bin, habe aber im Gegenzug kaum Zeit mehr für die Familie, für mich selbst, für Sport oder sonstiges. Nehme ich jedoch einen Teilzeitjob an, kann ich vorerst dem Hamsterrad entkommen. Ich finde noch Zeit zum Schreiben, für die Kinder und für andere Sachen. Dann kann ich meiner finanziellen Unabhängigkeit aber erst mal für eine lange Zeit adé sagen.  

Da stellt sich mir nun die Frage: Wie wichtig ist mir meine finanzielle Unabhängigkeit und welchen Preis muss ich bereit sein, dafür zu zahlen?

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Vom Zögern zum JA-Sagen

So nach und nach werde ich mir über eine Eigenschaft bewusst, die ich mir durch unsere Auswanderung irgendwie angeeignet habe…ich bin zum JA-Sager geworden!

Mir fällt dabei automatisch der Film mit dem gleichnamigen Titel ein, dessen Hauptrolle der Schauspieler Jim Carrey spielt. Im Grunde genommen geht es darum, dass ein unglücklicher, kontaktscheuer Mann auf Rat eines Freundes ein Motivationsseminar besucht und seitdem zu allem JA sagt. Entgegen allen Befürchtungen widerfahren ihm nur positive Dinge und sein Leben ändert sich grundlegend. Dieser Film beruht auf dem autobiografischen Buch von Danny Wallace „Yes Man“, in dem der Autor beschreibt, was alles Unglaubliches passieren kann, wenn man sich entscheidet, JA zu sagen.  

Und JA, das mache ich jetzt auch. Ich finde, mein Leben ist zu kurz, um ständig zu zögern, mir Chancen entgehen zu lassen und Gelegenheiten ungenutzt zu lassen.

Gestern z. B. war ich mit meiner besten Freundin auf einer Messe in Hannover und habe zum ersten Mal in meinem Leben getrocknete Grillen, Mehlwürmer und eine getrocknete Heuschrecke gegessen. Ich hatte vor Jahren mal einen Bericht darüber im Fernsehen gesehen und hatte mich damals schon gefragt, ob das wirklich so schmeckt wie die Koster es beschrieben haben – ich war einfach neugierig auf den Geschmack. Und was soll ich sagen: es hat wirklich nicht schlecht geschmeckt. Die Heuschrecke war ein bisschen muffig, aber die Mehlwürmer und die Grillen waren richtig knusprig. Sie hatten keinen wirklichen Eigengeschmack und man hätte sie leicht auch mit anderen knusprigen Sachen verwechseln können. Das war eine aufregende Sache für mich, von der ich sogar meinen Enkeln noch erzählen kann.

Eine zweite Sache ist die, dass ich mich derzeit sehr für den Ambulanten Hospizdienst interessiere. Ich möchte gern den Ausbildungskurs für ehrenamtliche Mitarbeiterinnen belegen, mit dem ich später dann z. B. eine Sterbebegleitung übernehmen kann. Dafür habe ich mich schon vor etlichen Jahren interessiert, bin diesem Interesse aber nie weiter nachgegangen, weil ich mir unsicher war, weil ich gezweifelt habe und Angst hatte, dass mich diese ehrenamtliche Arbeit an meine emotionalen Grenzen bringt. Die Zweifel sind immer noch da, aber im Gegensatz zu damals sind sie mir heute egal. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen toten Menschen gesehen und ich habe Angst davor, aber warum sollte ich dieser Angst so viel Macht über mich geben, dass sie mich daran hindert, anderen Menschen zu helfen. Und wenn es mich an meine emotionalen Grenzen bringt – na und! Ich kann jederzeit aufhören, keiner zwingt mich, bis ans Ende zu gehen. Aber vielleicht bringt mir der Kurs viel mehr als ich mir jetzt vorstellen kann. Wenn ich es nicht ausprobiere, werde ich es nicht herausfinden.

Ich werde ein JA-Sager sein!

Ich pfeif auf die Ängste, Zweifel und möglichen Konsequenzen. Ich pfeif auf die „Ja, aber wenn…“, die möglichen „Vielleichts“ oder die „wahrscheinlich wird dann“. Nein! Ich überlege mir, was die schlimmste Konsequenz wäre und wenn diese für mich akzeptabel ist, dann ist es ok. Natürlich differenziere ich. Damals wie heute würde ich nicht ohne Sicherung eine Brücke runterspringen – das ist lebensgefährlich und dumm – aber zu einem Bungee-Sprung würde ich heute nicht mehr nein sagen, wie ich es sonst die letzten Jahre getan hätte.

JA zum Auswandern gesagt zu haben, hat mir gezeigt, dass Entscheidungen Verluste nach sich ziehen, die manchmal auch sehr schmerzhaft sein können, aber sie enthalten auch immer Gewinne – wertvolle Gewinne, über die ich jeden Tag dankbar bin. Aus beiden Arten von Konsequenzen bin ich gestärkt hervorgegangen und das ist doch das, was letztendlich zählt.  

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Boot your mindset!

So langsam grooven wir uns ein – fügen uns immer mehr in unsere Umwelt ein und gestalten unser Miteinander immer besser. Unser Alltag ist geregelt, geplant und vorhersehbar (mehr oder weniger). Doch entgegen meinen Befürchtungen find ich das komischerweise gar nicht schlimm. Es ist alles gut so wie es ist und es ist schön so wie es ist.

Ich weiß nicht, ob ich mich vielleicht zu weit aus dem Fenster lehne, wenn ich jetzt behaupte, ich bin glücklich. Doch wenn mein derzeitiger Zustand der Definition von Glück nicht entspricht, dann kommt er ihr zumindest sehr nah. Es gibt Momente, in denen ich das Gefühl habe, dass mir die Euphorie intravenös injiziert wurde. In diesen, mittlerweile öfter erlebten, Momenten geht’s mir so gut – ich bin wach, aktiv, motiviert und präsent – dass ich über diese überraschende Euphorie nur staunen kann. Ich war es gewohnt, morgens aufzustehen und schlechte Laune zu haben, den ganzen Tag müde und antriebslos zu sein – das war irgendwie ein Dauerzustand, der mal besser und mal schlechter war. Es lag permanent ein Grauschleier über mir, meiner Laune und meinen Gedanken. Dieser Grauschleier ist jetzt weg. Ich bin aufgewacht, nehme meine Umwelt wieder so wahr wie sie wirklich ist – sachlich, neutral und nicht genervt, emotional. Ich habe das Gefühl, nicht mehr fremdbestimmt, sondern wieder Herr über mich selbst zu sein. Ich habe das Gefühl, mein Mindset wurde gebootet – ein Neustart, alles auf Anfang, alles beginnt von vorn, alles beginnt von 0.

Ich habe mich verwandelt – vom Schwarzmaler zum Buntzeichner. Es stören mich trotzdem noch einige Sachen, aber ich ärgere mich nicht mehr darüber. Und nicht, weil ich mich zwinge, ruhig zu bleiben, sondern weil ich innerlich ruhiger bin. Ich stehe über den Dingen, entscheide sachlich, lass mich nicht stressen und reagiere nicht unüberlegt, vor allem nicht über. Dinge, die ich ändern kann, versuche ich zu ändern, mit den anderen handele ich einen Friedensvertrag aus.

Im Moment ist alles super so wie es ist!

Ich bin mir bewusst, dass das Gerüst dieses, meines jetzigen Zustandes aus Glasknochen besteht. Es kann beim kleinsten Angriff ins Wanken kommen und zerbrechen. Dennoch ziehe ich meine Samthandschuhe an und packe es damit in Watte und hoffe, dass ich es somit so lange wie möglich am Leben erhalten kann.

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Schlechtes Timing

Irgendwie habe ich das Gefühl, auf Familie Krebs liegt ein Fluch. Der Fluch des Schlechten Timings.

Für die Vorhaben, die wir in Angriff genommen haben, haben wir uns rückblickend und aus 1 bestimmten Blickwinkel betrachtet, immer einen äußerst ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht.

Als Beispiel unsere Umzüge – und es waren ja nun relativ viele – von Berlin nach Brandenburg, weiter nach Mecklenburg-Vorpommern bis hin nach Schleswig-Holstein. Nach dem jeweiligen Umzug ins neue Bundesland wurde kurze Zeit später die Kita-Gebühr im zurückliegenden Bundesland entweder gesenkt oder wie im Fall von Meck-Pom ganz abgeschafft. Im Herzogtum Lauenburg, nur ein paar Kilometer von der Landesgrenze entfernt, waren die Kita-Gebühren noch da und sie waren nicht gerade niedrig.

Naja, Pech gehabt und dumm gelaufen würde ich sagen, aber noch lange kein Grund, an einen Fluch zu denken, oder?!

Doch der nächste Beweis folgt: Unsere Auswanderung. Ende März sind wir ausgewandert und ca. 2 Wochen vorher wurden die Corona-Regeln bundesweit deutlich gelockert. Monatelang habe ich mich durch diese Pflichttestungen gequält und als sie nicht mehr gefordert waren, brauchte ich auch nicht mehr zur Arbeit gehen. Corona-technisch waren es ruhige Monate in Deutschland und auch wettertechnisch gab es dieses Jahr keinen Grund zur Beschwerde – und wir waren in Montenegro. Und pünktlich zu der Zeit, zu der die deutschen Einwohner richtig zur Kasse gebeten werden, kommen wir zurück. Mittlerweile ist die Summe unserer Nebenkosten höher als die der Kaltmiete und da sind wir sicher nicht die Einzigen. Also wenn das kein schlechtes Timing ist, dann weiß ich auch nicht.

Ich möchte es einmal erleben, dass wir uns für ein großes Vorhaben entscheiden und hinterher sagen: „Gut, dass wir es jetzt gemacht haben und nicht noch länger gewartet haben!“ Bisher fallen mir dafür nur kleinere Vorhaben ein – zum Beispiel unsere Hochzeit im Mai 2013. Den Heiratsantrag bekam ich Ende Dezember 2012 und innerhalb von 4 Monaten hatten wir die Hochzeitsfeier auf die Beine gestellt. Es war eine tolle Fete und ich würde es immer wieder genauso machen. „Feste soll man feiern wie sie fallen!“ Da ist was absolut Wahres dran und ich werde den Spruch auch in Zukunft beherzigen.

Ich gebe die Hoffnung aber trotzdem nicht auf, dass der Tag kommt, an dem ich sagen kann: „Man, wir hatten solches Glück! Wir waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.“ Dann wird wohl auch unser Fluch des Schlechten Timings gebrochen sein.

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Tausche Urlaub gegen Alltag

Es ist schon erstaunlich wie schnell wir uns dem neuen täglichen Leben angepasst haben. Noch vor 1 Monat wussten wir morgens nicht, was der Tag für uns bringt und haben das Meiste spontan entschieden. Wir lebten so in den Tag hinein, offen für alles, was er uns bringen mochte – alles konnte, nichts musste. Es fühlte sich immer noch wie Urlaub an.

Hier angekommen hat es nicht lange gedauert, bis ich unseren gemeinsamen Kalender wieder aktiviert habe damit ich unsere Termine und Vorhaben erstens nicht vergesse und zweitens diese nicht miteinander kollidieren können. Und was muss ich feststellen? Unser Kalender ist mittlerweile schon gut gefüllt. Für mich ist das (bis jetzt noch) nicht schlimm, weil wir uns bewusst für diese Treffen entschieden haben und sie uns nicht automatisch aufgedrängt wurden. Nein, ich freue mich sogar über diese Unternehmungen, denn sie lockern nicht nur unseren Alltag auf, sondern zeigen mir auch, dass wir bei unseren Freunden und in unserer Familie präsenter und wieder Teil ihres Alltags werden.

Diesbezüglich ist wohl eine Umstellung bei uns allen notwendig. Wir, die jetzt nach 20 Jahren wieder in die alte Heimat zurückgekehrt sind, können nicht erwarten, dass sich plötzlich alles um uns dreht und unsere Lieblingsmenschen sich jeden Tag mit uns verabreden wollen. Die Anderen wiederum müssen das erst verinnerlichen, dass wir keine Gäste mehr sind, dass wir nicht nur am Wochenende hier sind, dass wir nicht nur für eine bestimmte, kurze Zeitspanne anwesend sein können. Ich hoffe, es wird ihnen nach und nach bewusst, dass ein Treffen mit uns wieder eine Option ist, vielleicht sogar eine spontane, weil wir jetzt wieder vor Ort sind und keine 180 km oder schlimmstenfalls sogar 1800 km zwischen uns liegen.

Ich wünsche mir, dass die Menschen um uns herum sich öffnen und einen Platz frei machen, damit wir uns langsam in deren Leben schleichen können und irgendwann ein so fester Teil werden, dass sich keiner von uns mehr vorstellen kann, dass wir jemals weggewesen waren.

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Neuanfang

Wir sind seit fast 2 Wochen aus Montenegro zurück und der deutsche Alltag hatte uns schneller wieder als uns lieb war. Alles geht seinen geplanten und geregelten Gang. Wir haben uns brav wieder überall angemeldet und sind dabei, diverse Anträge auszufüllen – Kindergeld hier, Krankenkasse dort, und für jedes Anliegen gibt es eine extra Stelle – natürlich! Also wenn ich etwas am aller Wenigsten vermisst habe, dann die deutsche Bürokratie.

Die Kinder haben ihre ersten beiden Tage in der neuen Schule super gemeistert und finden so langsam Anschluss. Bevor es aber mit der Schule losgehen konnte, haben wir pro Kind zwei Listen bekommen mit den Sachen (inkl. Bücher), die sie für das kommende Schuljahr benötigen. Dieses Vorgehen haben wir in dieser Art zum ersten Mal durchgemacht und sind fast ohnmächtig geworden als uns der Preis für den ganzen Spaß offenbart wurde. Ich hätte nie erwartet, dass die Schulpflicht auch die Pflicht beinhaltet, ein Vermögen für Schulbücher und andere Schreibsachen ausgeben zu müssen.  

Vor ein paar Tagen sind wir in unser neues Mietshaus eingezogen. So fleißig wie wir unsere Möbel vor 6 Monaten loswerden wollten, so fleißig sind wir jetzt dabei, neue Möbel und Geräte wieder anzuschaffen. Dabei sammeln wir nach und nach unsere Habseligkeiten ein, die wir bei unseren Eltern untergestellt hatten und sorgen dafür, dass ihre Häuser leerer und unseres voller wird. Bei diesem Umzug läuft es aber anders – zum ersten Mal sind wir nicht auf uns allein gestellt und unsere Familien sind in greifbarer Nähe. Wenn wir Hilfe brauchen, reichen ein Anruf und eine kurze Fahrt und das Problem wird gelöst. Für uns ist das Luxus pur und macht alles so viel einfacher.

Neuanfang bisher geglückt würde ich sagen…mal sehen wie es weitergeht.

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Phönix

Nach 1800 km (inkl. 66 Tunnel) und über 23 Stunden Fahrtzeit sind wir alle vier wohlbehalten (plus montenegrinischer Katze) in der Altmark angekommen.

Auf der langen Fahrt, die durch Kroatien, Slowenien und Österreich ging, hatte ich viel Zeit um darüber nachzudenken, was mir unser „Auswandern“ und die 4,5 Monate in einem mir völlig fremden Land gebracht haben.

Wenn ich die Jeannette vom Januar 2022 und die Jeannette von heute betrachte, fühle ich mich als hätte ich eine Art Katharsis durchlebt. Das Wort Katharsis steht im weitläufigen Sinne für Reinigung und Befreiung – und genauso fühle ich mich auch irgendwie – gereinigt und befreit.

Angefangen hat alles mit unserer materiellen Befreiung: Wir haben uns so vielen Sachen entledigt – Sachen, die wir im Überfluss hatten, die nicht notwendig waren und keinen Nutzen hatten. Dann folgte schrittweise eine zwischenmenschliche Befreiung: Mit wurde bewusst, was mir an einer Freundschaft wirklich wichtig ist. Ich erkannte auch, dass es ok für mich ist, wenn ich nur wenige, sehr gute Freunde habe und dass manche Freundschaften nur zu einem bestimmten Lebensabschnitt passen. Am Ende kam die emotionale Befreiung: Ich bin gelassener geworden und weniger wertend. Ich konnte vieles, was passiert ist, aus anderen Blickwinkeln und mit veränderter Einstellung betrachten.

Diese verschiedenen Arten der Befreiung haben mir so gutgetan, dass ich mich fast wie neu geboren fühle – gestärkt, klarer, weiser und mehr geerdet. Als netter Nebeneffekt hat es mich dorthin gebracht, wo ich schon viele Jahre hinwollte – zurück in die Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Das hätte die Jeannette von letztem Jahr nie geschafft, denn ohne unser Auswandern hätte ich keinen Blog geschrieben und ohne Blog würde ich jetzt nicht so weit sein, dass mir meine Kreativität und mein Schreiben Geld einbringt und ich von überall auf der Welt arbeiten kann.

Für mich überwiegen ganz klar die Vorteile. Und wenn mich jemand fragt, ich würde es jederzeit wieder tun. Klar, am Anfang war es schwer und ich hatte mit etlichen Tiefs zu kämpfen – wie meine Beiträge eindrücklich zeigen – aber alles in allem bereue ich nichts, absolut gar nichts. Ganz im Gegenteil, ich würde es sogar jedem empfehlen…

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Zu Besuch in Deutschland

Nun sind die zwei Wochen, die ich mit den Kindern bei meinen Eltern verbracht habe, fast um. Morgen Mittag geht unser Flug zurück nach Montenegro. Irgendwie geht’s mir genauso wie am Tag unserer Abreise: Ich weiß nicht, ob ich glücklich oder traurig sein soll, dass wir fliegen.

Die letzten Tage waren wirklich sehr schön, manchmal ein bisschen stressig, aber insgesamt doch entspannt. Die Kinder und ich haben viel Zeit mit meinen Eltern verbracht und wurden dabei wieder rundum verwöhnt. Auch Ronnys Eltern, seinen Opa und seine Geschwister haben wir wiedergesehen. Da das Wetter fast durchgehend warm und sonnig war, fuhren wir fast jeden Tag ins Schwimmbad. Frederick hat sogar sein Seepferdchen und Annabelle ihre Bronze-Schwimmstufe geschafft. Seitdem hat den beiden das Baden gehen noch mehr Spaß gemacht.

Ab und zu hatte ich auch die Gelegenheit, allein zu sein. Ich konnte joggen gehen und habe mich mit einigen Freundinnen zum Essen getroffen. Meine beste Freundin und ich hatten sogar einen ganzen Nachmittag für uns allein. Die Treffen waren toll. Wir haben viel geredet und gut gegessen – wir hatten einfach eine schöne Zeit zusammen, die ich sehr genossen habe. Dabei kamen immer die gleichen Fragen auf: Was sind eure Pläne? Wie geht’s weiter? Kommt ihr wieder zurück nach Deutschland? Die Antwort darauf war auch immer die gleiche: Im Moment wissen wir es noch nicht.

Ich muss gestehen, der jetztige Zustand gefällt mir. Ich finde es gut, dass ich im Moment keine Staatenzugehörigkeit und damit das Gefühl habe, so ein bisschen „unter dem Radar“ zu laufen, da ich weder in Deutschland noch in Montenegro offiziell wohnhaft bin. Ich kann mir aus beiden Ländern das beste raussuchen – die Sonne und Gelassenheit aus Montenegro und den „Luxus“ aus Deutschland.

„Wenn ich mir die Welt machen könnte, wie sie mir gefällt“, dann würde ich die ganze Welt bereisen und mir jedes Land, was mich neugierig macht, angucken, drei Monate dort bleiben und dann ins nächste reisen, sozusagen eine Art „Länder-Hopping“ machen.

Doch bei meiner Zukunftsgestaltung bin ich leider nicht allein. Es gibt noch mindestens drei andere Menschen, die ich bei meinen Entscheidungen berücksichtigen muss und genau das macht die Sache so schwierig. Die Kinder haben unseren Urlaub in Deutschland sehr genossen und möchten lieber heute als morgen wieder zurück. Ronny fühlt sich pudelwohl in Montenegro und sieht keinen Grund, zurückzugehen.

Mark Forster hat diese Situation in einem seiner Lieder so wunderbar besungen:

Bauch sagt zu Kopf ja, doch Kopf sagt zu Bauch nein
Und zwischen den beiden steh‘ ich
Zwischen den beiden steh‘ ich
Bauch sagt zu Kopf ja, doch Kopf sagt nein
Dann schüttelt er sich
Zwischen den beiden steh‘ ich
Zwischen den beiden steh‘ ich
Und weiß nicht

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Der Abend vor dem Flug

Dies wird vorerst mein letzter Beitrag sein, den ich in Deutschland schreibe. Morgen früh 6 Uhr fahren wir mit dem Auto zum Berliner Flughafen. 11.25 Uhr soll der Flieger abheben und uns nach Montenegro bringen, in unsere neue Wahlheimat. Ronny hatte mich heute vorgewarnt, dass es wohl zwei Tage dauern werde bis ich den Kulturschock überwunden hätte. „Das hier ist eine ganz andere Welt.“, hat er gesagt. Ich bin gespannt ob ich das auch wirklich so empfinde.

Glücklicherweise konnte ich in den letzten Tagen wenig über das Bevorstehende nachdenken, weil ich permanent beschäftigt war, mit aufräumen, umräumen und Abschied nehmen. Im Nachhinein tut es mir sehr leid, dass ich die letzten Tage mit meinen Eltern nicht sinnvoller genutzt habe um sie mehr genießen zu können, schließlich werden wir uns ein ganzes Weilchen nicht mehr sehen. Ich wünsche mir sehr, dass wir das bei meinem nächsten Besuch nachholen können.

Ich denke gerade darüber nach, was morgen meine Abschiedsworte zu meinem Geburtsland sein würden…

„Liebes Deutschland, du warst mir fast 40 Jahre lang ein gutes Heimatland doch im Moment habe ich das Gefühl, dass wir nicht mehr kompatibel sind und deswegen halte ich es für das Beste, wenn wir beide eine Beziehungspause einlegen. Ich brauche Abstand von dir und vielleicht wird mir mit der Zeit bewusst, was ich an Dir hatte und komme sehnsüchtig wieder zurück zu Dir.“

Das Ende ist offen.

…glücklich oder nicht glücklich, das ist hier die Frage…

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1 Tag bis zur Abreise

Für die letzten Tage fällt mir nur ein Wort ein: EXTREM

Die letzten 4 Tage waren für Ronny und mich extrem schlafraubend, extrem nervig, extrem vollgepackt, extrem getaktet – einfach extrem anstrengend, sowohl physisch als auch psychisch! Ohne unsere kleine Wunderwaffe Taurin wären wir schon längst komplett durchgedreht.

Ronny ist an drei Tagen insgesamt fünfmal in die Altmark gefahren um dort den ganzen Rest, der neben den Möbeln noch übriggeblieben ist, unterzustellen. Wir hätten nie gedacht, dass wir trotz dem vielen Verkaufen, Verschenken und Entsorgen immer noch so viele Sachen haben, die die räumlichen Kapazitäten unserer Elternhäuser momentan an die Grenzen bringen.

Die Masse unseres Besitzes haben wir eindeutig unterschätzt und das hat uns unseren Zeitplan ziemlich durcheinandergebracht. Das hatte zur Folge, dass wir das Haus erst Donnerstagnachmittag an unsere Vermieter übergeben konnten und auch diesen Termin haben wir nur ganz knapp geschafft. Somit blieb uns nur der Freitag um alle Sachen einmal zu sichten und vorzusortieren in die Kategorien „Muss auf jeden Fall mit“, „Kann mit, wenn noch Platz ist“ und „Ist nicht notwendig, kann hierbleiben“.  Samstagvormittag haben wir dann alle „Muss mit“ – Sachen zusammengetragen und Ronny hat angefangen, das Auto voll zu packen. Erstaunlicherweise hatten wir noch so viel Platz, dass wir die „Kann“-Sachen unterbringen konnten und selbst danach waren noch kleine Ecken frei.

Morgen früh 6.30 Uhr fährt Ronny los und holt unseren Freund aus dem Süden von Sachsen-Anhalt ab. Dann fahren die beiden mit zwei vollgepackten Autos Richtung Montenegro. Eine Übernachtung im Hotel ist geplant, so dass die beiden Männer ungefähr Montagabend ihr Ziel erreichen sollten.

Ich fliege mit unseren beiden Kindern am Donnerstagmittag von Berlin nach Podgorica, genauso wie die Frau unseres Freundes mit ihren beiden Kindern. Wenn alles wie geplant läuft, treffen wir Donnerstagnachmittag in unserer neuen Wohnung in Kotor ein und dann kann der langersehnte Urlaub beginnen.